Artikel zur Langlebigkeit

Meditationstraining reduziert langfristigen Stress, wie Haaranalysen zeigen

Meditationstraining reduziert langfristigen Stress, wie Haaranalysen zeigen
  • Neun Monate Meditation und Stressreduzierungstraining reduzierten das Stressniveau deutlich, was sich in Haaranalysetests durch niedrigere Werte des Stresshormons Cortisol zeigte. 
  • Beim Achtsamkeitstraining werden kognitive und soziale Fähigkeiten, einschließlich Aufmerksamkeit, Dankbarkeit und Mitgefühl, durch verschiedene Meditations- und Verhaltensübungen trainiert. 
  • Nach sechs Monaten Training war die Menge an Cortisol in den Haaren der Probanden deutlich zurückgegangen, im Durchschnitt um 25 Prozent.
  • In den ersten drei Monaten waren zunächst leichte Auswirkungen zu beobachten, die sich in den folgenden drei Monaten verstärkten. Im letzten Drittel blieb die Konzentration auf niedrigem Niveau. Die Forscher gehen daher davon aus, dass nur ausreichend langes Training zu den gewünschten stressreduzierenden Effekten führt.

Dieser Artikel wurde auf ScienceDaily.com veröffentlicht:

Mentales Training reduziert die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Haar. Das haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig herausgefunden. Die Menge an Cortisol im Haar gibt Aufschluss darüber, wie stark ein Mensch durch anhaltenden Stress belastet ist. Frühere positive Trainingseffekte waren in akuten Stresssituationen oder an einzelnen Tagen nachgewiesen worden – oder basierten auf Selbstberichten der Studienteilnehmer. Damit liefert die aktuelle Studie den ersten objektiven Beweis dafür, dass mentales Training die körperlichen Anzeichen längerer Stressphasen reduziert.

Es werden wirksame Methoden gesucht, um den Alltagsstress langfristig zu reduzieren. Eine vielversprechende Option ist das Achtsamkeitstraining, bei dem die Teilnehmer durch verschiedene Meditations- und Verhaltensübungen ihre kognitiven und sozialen Fähigkeiten, darunter Aufmerksamkeit, Dankbarkeit und Mitgefühl, trainieren.

Verschiedene Studien haben bereits gezeigt, dass sich auch gesunde Menschen nach einem typischen achtwöchigen Trainingsprogramm weniger gestresst fühlen. Bisher war jedoch unklar, inwieweit das Training tatsächlich dazu beiträgt, die ständige Belastung durch Alltagsstress zu reduzieren. Das Problem vieler bisheriger Studien zu chronischem Stress besteht darin, dass die Studienteilnehmer nach dem Training meist gebeten wurden, ihr Stressniveau selbst einzuschätzen. Allerdings könnte diese Selbstauskunft mittels Fragebögen die Effekte verzerrt und die Ergebnisse positiver erscheinen lassen, als sie tatsächlich waren.

Der Grund für diese Voreingenommenheit: Die Teilnehmer wussten, dass sie ihre Achtsamkeit trainierten, und eine Reduzierung des Stressniveaus war ein gewünschter Effekt dieses Trainings. Allein dieses Bewusstsein hat Auswirkungen auf die spätere Information. „Wenn man nach einem als stressreduzierend deklarierten Training gefragt wird, ob man gestresst ist, kann schon die Beantwortung dieser Frage die Aussagen verfälschen“, erklärt Lara Puhlmann, Doktorandin am MPI CBS und Erstautorin der zugrunde liegenden Publikation erschien jetzt in der Zeitschrift Psychosomatik.

Dabei spielten Faktoren wie soziale Erwünschtheit und Placeboeffekte eine Rolle. Anders als etwa bei pharmakologischen Studien, bei denen die Studienteilnehmer nicht wissen, ob sie den Wirkstoff tatsächlich erhalten haben oder nicht, sind beim Mentaltraining sogenannte Blindstudien nicht möglich. „Die Teilnehmer wissen, dass sie das ‚Gegenmittel‘ einnehmen“, sagt Puhlmann. „In der Achtsamkeitsforschung nutzen wir daher zunehmend objektivere, also physiologische Methoden, um die stressreduzierende Wirkung genauer zu messen.“

Die Cortisolkonzentration im Haar gilt als geeignetes Maß für die Belastung durch anhaltenden Stress. Cortisol ist ein Hormon, das ausgeschüttet wird, wenn wir beispielsweise mit einer überwältigenden Herausforderung konfrontiert werden. In dieser besonderen Situation hilft es, unseren Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen und Energie zu mobilisieren, um die Herausforderung zu meistern. Je länger der Stress anhält, desto länger zirkuliert eine erhöhte Cortisolkonzentration in unserem Körper – und desto mehr reichert es sich in unseren Haaren an. Im Durchschnitt wachsen Haare einen Zentimeter pro Monat. Um den Stresspegel der Studienteilnehmer während des 9-monatigen Trainings zu messen, analysierten die Forscher in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe von Clemens Kirschbaum an der Universität Dresden zunächst alle drei Monate die Menge an Cortisol in den ersten drei Zentimetern der Haare an der Kopfhaut.

Das Mentaltraining selbst wurde im Rahmen einer groß angelegten Längsschnittstudie zu den Auswirkungen von Mentaltraining, dem ReSource-Projekt, unter der Leitung von Prof. Dr. Tania Singer, wissenschaftliche Leiterin der Social Neuroscience Research Group, entwickelt. Dieses 9-monatige Mentaltrainingsprogramm bestand aus drei 3-monatigen Sitzungen, die jeweils darauf ausgelegt waren, einen bestimmten Fähigkeitsbereich mithilfe westlicher und fernöstlicher Mentalübungen zu trainieren. Der Fokus lag entweder auf den Faktoren Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, auf sozio-affektiven Fähigkeiten wie Mitgefühl und Dankbarkeit oder auf sogenannten sozio-kognitiven Fähigkeiten, insbesondere der Fähigkeit, eigene und fremde Gedanken in den Blick zu nehmen. Drei Gruppen mit jeweils etwa 80 Teilnehmern absolvierten die Schulungsmodule in unterschiedlicher Reihenfolge. Das Training dauerte bis zu neun Monate, 30 Minuten am Tag, sechs Tage die Woche.

Weniger Stress, weniger Cortisol

Und es zeigte sich tatsächlich: Nach sechs Monaten Training war die Menge an Cortisol in den Haaren der Probanden deutlich zurückgegangen, im Durchschnitt um 25 Prozent. In den ersten drei Monaten waren zunächst leichte Auswirkungen zu beobachten, die sich in den folgenden drei Monaten verstärkten. Im letzten Drittel blieb die Konzentration auf niedrigem Niveau. Die Forscher gehen daher davon aus, dass nur ausreichend langes Training zu den gewünschten stressreduzierenden Effekten führt. Der Effekt schien nicht vom Inhalt der Schulung abzuhängen. Es ist daher möglich, dass mehrere der untersuchten mentalen Ansätze gleichermaßen wirksam sind, um den Umgang mit chronischem Alltagsstress zu verbessern.

In einer früheren Studie aus dem ReSource-Projekt mit derselben Stichprobe hatten die Forscher die Auswirkungen von Training auf den Umgang mit akuten Stresssituationen untersucht. In dieser Studie wurden die Teilnehmer in ein stressiges Vorstellungsgespräch geschickt und mussten unter Beobachtung schwierige Mathematikaufgaben lösen. Die Ergebnisse zeigten, dass Menschen, die ein sozio-kognitives oder sozio-affektives Training absolviert hatten, unter Stress bis zu 51 Prozent weniger Cortisol ausschütteten als diejenigen, die nicht trainiert worden waren. In diesem Fall maßen sie nicht die Menge an Cortisol in den Haaren der Probanden, sondern stattdessen akute Cortisol-Anstiege in ihrem Speichel. Insgesamt kommen die Forscher zu dem Schluss, dass Training den Umgang mit akuten besonders belastenden sozialen Situationen sowie chronischem Alltagsstress verbessern kann. „Wir gehen davon aus, dass unterschiedliche Trainingsaspekte bei diesen unterschiedlichen Stressformen besonders hilfreich sind“, sagt Veronika Engert, Leiterin der Forschungsgruppe „Sozialer Stress und Familiengesundheit“ am MPI CBS.

„Weltweit gibt es viele Krankheiten, die direkt oder indirekt mit Langzeitstress zusammenhängen“, erklärt Puhlmann. „Wir müssen daran arbeiten, den Auswirkungen von chronischem Stress präventiv entgegenzuwirken. Unsere Studie belegt anhand physiologischer Messungen, dass Meditationstrainingsinterventionen auch bei gesunden Menschen das allgemeine Stressniveau lindern können.“


Quelle der Geschichte:

Materialien zur Verfügung gestellt von Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Hinweis: Der Inhalt kann hinsichtlich Stil und Länge bearbeitet werden.


Zeitschriftenreferenz:

  1. Lara Mc Puhlmann, Pascal Vrtička, Roman Linz, Tobias Stalder, Clemens Kirschbaum, Veronika Engert, Tania Singer. Kontemplatives Mentaltraining senkt den Glukokortikoidspiegel im Haar in einer randomisierten klinischen Studie. Psychosomatik, 2021; 83 (8): 894 DOI: 10.1097/PSY.0000000000000970


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