Artikel zur Langlebigkeit

Nervenzellaktivität im Zusammenhang mit dem Vertrauen in die Entscheidungsfindung

Nervenzellaktivität im Zusammenhang mit dem Vertrauen in die Entscheidungsfindung
  • Neue Forschungsergebnisse ergaben, dass das Maß an Vertrauen in die Entscheidungsfindung mit der Geschwindigkeit der Neuronenfeuerungsrate zusammenhängt. 

  • Eine erhöhte Frequenz elektrischer Impulse in Neuronen im Temporallappen erhöhte die Entscheidungssicherheit.

  • Die betroffenen Neuronen befinden sich in der Gehirnregion, die für die Gedächtnisverarbeitung verantwortlich ist.

Dieser Artikel wurde auf EurekAlert.org veröffentlicht: 

Soll ich oder soll ich nicht? Die Aktivität einzelner Nervenzellen im Gehirn verrät uns, wie sicher wir bei unseren Entscheidungen sind. Das zeigt eine aktuelle Studie von Forschern der Universität Bonn. Das Ergebnis ist unerwartet – tatsächlich waren die Forscher einem völlig anderen Bewertungsmechanismus auf der Spur. Die Ergebnisse werden in der Fachzeitschrift Current Biology veröffentlicht.

Sie sitzen in einem Café und möchten zum Cappuccino ein Stück Kuchen genießen. Die Schwarzwälder Kirschtorte ist Ihnen einfach zu reichhaltig und scheidet daher schnell aus. Die Wahl zwischen Karottenkuchen und Rhabarber-Crumble ist deutlich schwieriger: Das warme Wetter begünstigt den erfrischend fruchtigen Kuchen. Karottenkuchen ist jedoch einer Ihrer absoluten Favoriten. Was also tun?

Jeden Tag müssen wir Entscheidungen treffen, und bei einigen davon sind wir viel selbstbewusster als bei anderen. Forscher des Universitätsklinikums Bonn haben nun Nervenzellen im Gehirn identifiziert, deren Aktivität die Sicherheit bei Entscheidungen anzeigt. Insgesamt nahmen zwölf Männer und Frauen an ihrem Experiment teil.

„Wir haben ihnen Fotos von zwei verschiedenen Snacks gezeigt, zum Beispiel einem Schokoriegel und einer Tüte Chips“, erklärt Prof. Dr. Dr. Florian Mormann von der Klinik für Epileptologie. „Anschließend wurden sie gebeten, mithilfe eines Schiebereglers anzugeben, welche dieser Alternativen sie lieber essen würden.“ Je mehr sie den Schieberegler von seiner Mittelposition in Richtung des linken oder rechten Fotos bewegten, desto sicherer waren sie in ihrer Entscheidung.

Feuerrate und Vertrauen hängen zusammen

Insgesamt mussten die Teilnehmer auf diese Weise 190 verschiedene Snackpaare bewerten. Gleichzeitig erfassten die Wissenschaftler die Aktivität von jeweils 830 Nervenzellen im sogenannten Schläfenlappen. „Wir haben herausgefunden, dass sich die Frequenz der elektrischen Impulse in manchen Neuronen, also ihre ‚Feuerrate‘, mit zunehmender Entscheidungssicherheit verändert“, erklärt Mormanns Kollege Alexander Unruh-Pinheiro. „Manche feuerten zum Beispiel umso häufiger, je sicherer die jeweilige Testperson in ihrer Entscheidung war.“

Es ist das erste Mal, dass ein solcher Zusammenhang zwischen Aktivität und Entscheidungssicherheit festgestellt wurde. Die betroffenen Neuronen befinden sich in einer Gehirnregion, die an Gedächtnisprozessen beteiligt ist. „Möglicherweise speichern wir nicht nur, welche Entscheidung wir getroffen haben, sondern auch, wie sicher wir darin waren“, mutmaßt Mormann. „Vielleicht bewahrt uns ein solcher Lernprozess vor künftigen Fehlentscheidungen.“

Ethische Gründe verbieten in der Regel die Untersuchung des Zustands einzelner Neuronen in lebenden Menschen. Allerdings litten die Studienteilnehmer an einer schweren Form der Epilepsie. Bei dieser Krankheitsform beginnen die charakteristischen Anfälle immer im selben Bereich des Gehirns.

Eine mögliche Behandlung besteht daher darin, diesen epileptischen Herd operativ zu entfernen. Um die defekte Stelle genau zu lokalisieren, implantieren die Ärzte der Klinik für Epileptologie dem Patienten mehrere Elektroden. Diese verteilen sich über das gesamte potenziell betroffene Gebiet. Gleichzeitig ermöglichen sie auch Einblicke in die Funktionsweise einzelner Nervenzellen im Gehirn.

Forscher der Universität Bonn suchten ursprünglich nach einem ganz anderen Phänomen: Wenn wir eine Entscheidung treffen, weisen wir jeder der Alternativen einen subjektiven Wert zu. „Es gibt Hinweise darauf, dass sich dieser subjektive Wert auch in der Aktivität einzelner Neuronen widerspiegelt“, sagt Mormann. „Dass wir stattdessen auf diesen Zusammenhang zwischen Brandverhalten und Entscheidungssicherheit stießen, hat selbst uns überrascht.“

Diese Studie wurde veröffentlicht in Aktuelle Biologie im Oktober 2020. 



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